Die Geschichte meines Lebens

Alles fing mit harmlosen Rückenschmerzen an einem Samstagabend an. So wie schon einige Male zuvor, schmerzte beim tiefen Einatmen der Nacken, bis in die rechte Schulter hinein. In der Vergangenheit bekam ich dagegen krampflösende Spritzen direkt in den Muskel. Die Verspannung löste sich und alles war wieder gut. Doch nicht so an diesem Abend.

Wir fuhren also ins Krankenhaus. Dort erläuterte ich mein Leiden und verlangte nach der wohltuenden Spritze. Aber die diensthabende Ärztin fand die Sache mit dem “Schmerzen beim Einatmen” verdächtig und ließ mich deshalb auf eventuell vorliegende Pneus röntgen. Musste ich auch erst googlen. Der Fachbegriff lautet Pneumothorax und beschreibt eine “krankhafte Ansammlung von Luft im Brustfellraum”.

Als ich nun im Röntgen-Raum stand, sollte ich tief einatmen und die Luft anhalten. In diesem Moment muss es dann wohl passiert sein. Mit einem Schlag hatte ich extremes Seitenstechen. Ich konnte weder gerade stehen noch sitzen. Nur gekrümmt, in Embryonalstellung kauernd, hielt ich die Schmerzen halbwegs aus. Es war eine absolute Qual. Aber das interessierte die Ärztin damals nicht weiter, denn der Röntgenbefund war ja negativ. Also gab sie mir Tabletten für die Rückenentspannung und schickte mich wieder nach Hause.

Meiner damaligen Freundin genügte das aber nicht. Sie überredete mich noch in das andere Krankenhaus zu fahren. Zu meinem Glück. Denn ich wollte nur noch ins Bett, die Schmerztabletten schlucken und endlich schlafen. Aber sie bestand darauf noch weiter zu fahren. Im Krankenhaus angekommen, drückte mir ein Arzt zunächst minutenlang auf dem Bauch herum. Ich habe vor Schmerzen geschrien und geheult. Der Arzt beschloss einen Ultraschall zu machen, bei dem schließlich eine Flüssigkeit im Bauchraum festgestellt wurde. Da aber sonst nichts auffälliges zu erkennen war, blieben sämtliche dazugerufenen Ärzte zunächst einmal ratlos. Um sich mehr Gewissheit zu verschaffen, wollten sie mich nun aufmachen und nachsehen. Endlich bekam ich eine Narkose! Und wie sie mich so weg schoben, sah ich gerade noch, wie ein Freund zu meiner Freundin eilte und sie in den Arm nahm. Ich erinnere mich, wie ich beruhigt einschlief.

Was jetzt folgt, sind zum Teil Erzählungen der Ärzte oder ihrer Protokolle, meiner Freundin oder verschwommene Erinnerungen von mir.

Als sie mich aufschnitten, schwappte ihnen das Blut schon entgegen. Sie stellten einen stark blutenden Fremdkörper in der Nähe der Leber fest. Es war ein geplatzter Tumor. Ich hatte bereits 2-3 Liter Blut im Bauchraum verloren. Aufgrund der Nähe zur Leber sollte ich sofort in eine Spezialklinik gebracht werden. Also wurde ich mit Mullbinden vollgestopft, an Blutkonserven angeschlossen, in einen RTW verfrachtet und ab nach Münster gefahren. Wäre das Wetter entsprechend gewesen, wäre ich mit Christopher 13 geflogen. Aber nunja, man kann eben nicht alles haben.

In der Uniklinik Münster kam ich in einem OP wieder zu mir. Ich konnte nicht sprechen und mich nicht bewegen. Um mich herum viel Technik und nur ganz wenig Menschen. Ich hatte Angst!

Ich brauchte einige Minuten um auf mich aufmerksam zu machen, bis endlich eine Schwester zu mir kam. Ich konnte aber nicht sprechen, also griff ich ihre Hand und drückte sie ganz fest. Danach schlief ich wieder ein. Ich nehme an, ich bin immer wieder mal wach geworden und wurde dann auch immer wieder per Tropf ruhig bzw. schlafend gestellt. Bis ich irgendwann die Augen aufmachte und bekannte Gesichter sah. Meine Freundin, der Freund der sich um sie kümmerte und meine Mutter. Glaube ich. Die Erinnerungen sind extrem verschwommen.

Aber langsam begriff ich auch warum ich nicht sprechen konnte. Ich wurde künstlich beatmet. Bei der OP wurde mein rechter Lungenflügel beschädigt und ich atmete nur noch auf halber Kraft. Um aber doch mit meinen Angehörigen kommunizieren zu können, ließ ich mir ein Klemmbrett mit Zettel und Stift geben. Ich kritzelte ein paar aufmunternde Worte auf den Zettel. Naja, ich versuchte es. Wir mussten alle etwas lachen, als man nur noch den Stift auf dem Metallklemmbrett kratzen hörte. Aufmunterung gelungen.

Jedenfalls schrieb ich Dinge wie: “Hey kein Problem. Bis Montag bin ich wieder fit, dann fahren wir auf die StarTrek Convention nach Bonn.” Mein Kumpel meinte nur: “Nein, tun wir nicht. Aber ist schon okay!” Es dauerte wieder etwas länger bis ich begriff, dass es schon längst Dienstag war. Ich war also mehrere Tage weg gewesen. Hätte mir ja auch ruhig mal jemand sagen können.

Dann erinnere ich mich noch, wie mein damaliger Mitbewohner mich besuchte. Er kam mit einer völlig wild durcheinander gepackten Sporttasche rein und schaute mich etwas geschockt an. Ob alles in Ordnung sei, wurde er gefragt. Danach spürte ich nur noch einen dumpfen Schlag. Zwei Schwestern hoben ihn wieder auf und stellten ihn ans Fenster. Ich kritzelte auf meinen Zettel: “Gebt ihm etwas Traubenzucker!” Wieder Gelächter.

Zwischendurch griff ich immer wieder nach einer Hand. Und wenn gerade keine vertraute Hand in der Nähe war, hielt ich einfach eine Schwester fest. Ich brauchte das Gefühl nicht alleine zu sein. Und das war ich auch nie. In den kommenden Wochen erinnere ich mich daran, dass jeden Tag jemand zu Besuch war. Zweieinhalb Monate lang. Allen Besuchern meinen unendlichen Dank dafür!

Nach zwei Wochen Intensivstation wurden an mir sämtliche Tests durchgeführt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Denn am Ende stellte sich heraus, es war kein Tumor an der Leber, sondern ein Tumor am Zwerchfell. Und da es in der Literatur dazu keinen Fall gab, wurde ich zu einem Fall gemacht. Ich musste so einige Untersuchungen über mich ergehen lassen. Mal mehr, mal weniger angenehm.

Dieser Blogeintrag könnte noch seitenweise weitergeführt werden, denn ich erinnere mich an viele weitere Situationen während meiner Zeit in der Uniklinik. Vor allem an viele lustige Situationen. Aber jetzt muss ich erstmal ein Ende finden und diesen Artikel immer wieder auf mich wirken lassen. Denn das Ganze ist mittlerweile 20 Jahre her, aber doch noch sehr präsent. Ich habe viel gelernt. Über mich, meine Familie, meine Freunde und das Leben. Dieses Erlebnis hat mich sehr stark geprägt.

Zum Schluss sei vielleicht noch erwähnt, dass ich eine Chemotherapie bekam, anschließend vier Jahre lang, alle halbe Jahr abwechselnd zum CT und zum Ultraschall ging und seitdem offiziell als geheilt gelte bzw. dasselbe Krebsrisiko habe, wie jeder andere mit meinem Lebensstil auch. Nur Stammzellspender darf ich leider trotzdem nicht mehr werden.

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